Wie wir koloniale Kontinuitäten im digitalen Raum aufbrechen können
Mit offenen Infrastrukturen gegen Digitalen Kolonialismus
von Yannick Müller
Was ist Digitaler Kolonialismus?
Unter Digitalem Kolonialismus ist die Ausweitung von Kontrolle und Macht über digitale Infrastrukturen, Dienste und Wissen durch große Technologiekonzerne oder Staaten aus dem Globalen Norden; häufig zulasten von Autonomie, Datenschutz und wirtschaftlicher Entwicklung im Globalen Süden zu verstehen. Diese Machtausübung zeigt sich etwa in der Abhängigkeit von globalen Plattformdiensten, beim Betrieb von Unterseekabeln oder in der Dominanz weniger Cloud-Anbieter, die bestimmen, nach welchen Regeln Kommunikation, Handel und gesellschaftlicher Diskurs stattfinden. Lokale Akteur*innen haben dabei oft wenig bis gar keine Mitsprache über Governance, Inhaltskontrolle oder Besitzrechte.1
Fest steht: Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert auch den Zugang zu Wissen, Märkten und gesellschaftlicher Teilhabe. Der digitale Raum ist längst zu einem geopolitischen Machtfeld geworden. Der Soziologe Nick Couldry spricht in diesem Zusammenhang von „Data Colonialism“, also der fortgesetzten Aneignung von Daten als Rohstoff, ähnlich wie einst Land, Bodenschätze oder Arbeitskraft kolonial ausgebeutet wurden.2
Digitale Machtfragen sichtbar machen
Was früher Landnahme war, sind heute Rechenzentren, Cloudverträge und extrem schlechte Arbeitsbedingungen. Dieser Beitrag soll dafür sensibilisieren, wie stark Machtverhältnisse unsere Infrastrukturen prägen, aber auch Handlungsoptionen aufzeigen. Die Autoren Ingo Dachwitz und Sven Hilbig beschreiben das in ihrem Buch „Digitaler Kolonialismus“ eindrücklich. Imperiale Muster setzen sich in Besitzrechten an Daten, in der Kontrolle über digitale Infrastrukturen und in der ungleichen Verteilung von Profiten zwischen Globalem Norden und Süden fort.3
Was lässt sich hier tun? Einiges! Digitale Infrastrukturen sind greifbar, sie haben Adressen, Eigentümer und Vertragsbedingungen. Deshalb müssen wir neben zielführenderer internationaler Entwicklungszusammenarbeit auch lokale Handlungsspielräume in den Blick nehmen: Vergabekriterien für IT-Leistungen, offene Quellcodes, lokale oder EU-basierte Hostingpflichten, Auditierbarkeit und Governance-Boards mit Vertreter*innen der betroffenen Communities können Standards setzen, die Macht verteilen statt konzentrieren.
Für uns im digitalpolitischen Verein „D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt“ ist dieses Thema eine Herzensangelegenheit, das wir mit aktiven Mitgliedern und dem Vorstand im Rahmen unseres Jahresthemas Gerechtigkeit besonders behandeln.4
Von Prototypen zu Strukturen: Lokale Alternativen schaffen
Man kann die Bedeutung greifbarer digitaler Angebote, die in Zusammenarbeit mit Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wissenschaft entstehen, nicht genug betonen. Durch Testings mit diversen Zielgruppen und eine Feedbackkultur lassen sich Barrieren abbauen und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Quellcodes, Methoden und Schnittstellen sollten dabei stets offen sein.
Gelebt wird das auch bei der in diesem Jahr veröffentlichten Anwendung von Decolonize Berlin in Zusammenarbeit mit Visual Intelligence: Die App „We Want Them Back“ bündelt Informationen zu kolonial geraubten menschlichen Gebeinen, macht sie für Nachfahr*innen und Forscher*innen auffindbar und ermöglicht die Kontaktaufnahme mit Institutionen.5 Aus meiner Sicht ein sehr wertvoller Beitrag für mehr Transparenz und neue Gesprächsräume. Aber: Einzelne Projekte und Prototypen reichen kaum angesichts der Größe der Herausforderungen sowie dem aktuellen politischen Klima. Um Wirkung zu entfalten, müssen sie in dauerhafte Strukturen übergehen. Das heißt, dass Förderbedingungen, Beschaffungsordnungen und Haushaltsstellen so gestaltet werden müssen, dass erfolgreiche Open-Source-Lösungen leichter in den Regelbetrieb überführt werden können.
Digitale Souveränität als Gegenentwurf
Civic-Coding-Initiativen wie das Civic Data Lab6 oder etablierte Akteure wie die Open Knowledge Foundation7 sowie rassismussensible Kreativagenturen zeigen: Viele Akteur*innen und Bausteine sind bereits vorhanden. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, digitale und analoge Ansätze strategisch zu verzahnen. Rückgabefragen, Datenpolitik, Infrastruktur, Bildung und Antidiskriminierungsarbeit müssen gemeinsam gedacht werden.
Auf politischer Ebene gilt: Digitale Infrastruktur ist eng mit Macht- und Ressourcenfragen verknüpft. Deshalb braucht es ressortübergreifende Initiativen mit klaren Mandaten, feste Schnittstellen zwischen technischen und kulturellen Bereichen, neue Budgetlinien sowie Beteiligungsformate, die die Perspektiven der Betroffenen konsequent ins Zentrum stellen. Ergänzt um verbindliche Vergaberichtlinien, jährliche Infrastruktur-Audits und ein öffentliches Monitoring mit Datenoffenlegung kann so ein verlässlicher Rahmen entstehen.
Gelingt dieser Wandel, können wir lokal der Entwicklung digitaler Abhängigkeiten entgegentreten, Datensouveränität vorleben und ihre Erfahrungen in europäische und internationale Debatten einbringen; etwa um Standards für faire Verträge und Datenhoheit zu setzen. Digitaler Kolonisierung entgegenzutreten bedeutet, in konkreten juristischen, politischen und zivilgesellschaftlichen Arbeitspaketen zu denken.
Fazit: Digitale Souveränität als lokaler Gegenentwurf zum Digitalen Kolonialismus
Wenn Digitaler Kolonialismus bedeutet, dass Kontrolle über Infrastrukturen, Wissen und Daten von wenigen globalen Akteur*innen ausgeübt wird, dann ist digitale Souveränität ihr Gegenteil: Sie entsteht dort, wo lokale Communities Verantwortung übernehmen, Standards setzen und eigene technologische Gestaltungskraft entfalten.
Dieser Wandel beginnt nicht mit großen Masterplänen, sondern mit konkreten Entscheidungen vor Ort bei Ausschreibungen, Quellcodes, Hostingpflichten und Governance-Strukturen. Jede lokal entwickelte, offene und gemeinwohlorientierte Lösung ist ein Moment der Selbstermächtigung.
Digitale Technologien bergen enorme Chancen für Teilhabe, Transparenz, Gerechtigkeit und neue Formen des Miteinanders. Damit sie diese Wirkung entfalten können, müssen wir digitale Innovation konsequent an Prinzipien wie Offenheit, Inklusion und Verantwortung knüpfen und verstärkt in breiten Bündnissen arbeiten. So wird aus technischer Infrastruktur ein Hebel für gesellschaftlichen Wandel – und es entsteht Raum für Gegenpole in einer zunehmend kolonial geprägten digitalen Ordnung.
[1] Dachwitz, I., & Hilbig, S. (2022). Digitaler Kolonialismus: Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen. C.H. Beck, München.
[2] Ebd.
[3] D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt e.V. (2025). Digitaler Kolonialismus – Veranstaltung. D64, Berlin. https://d-64.org/digitale-infrastruktur-als-machtfrage/
[4] D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. (2025). Jahresthema Gerechtigkeit. D64, Berlin. https://d-64.org/jahresthema-gerechtigkeit/
[5] Decolonize Berlin (2023). We Want Them Back. https://wewantthemback.berlin/
[6] Civic Data Lab. https://civic-data.de/
[7] Open Knowledge Foundation Deutschland e.V., Berlin https://okfn.de