Quincey Stumptner

Reparationen sind Geschichte! Positive Zukünfte 2050

Der Titel dieses Textes irritiert. Gerade bei einem Thema wie Reparationen erscheint eine positive Zukunft, in der koloniale Verbrechen entschädigt wurden und sich die Gesellschaft von kolonialen Strukturen gelöst hat, sehr weit entfernt – häufig sogar unerreichbar. Reparationen für koloniale Verbrechen sind eine seit Langem bestehende Forderung verschiedenster Gruppen und Staaten gegenüber ehemaligen Kolonisatoren. Nach den Basic Principles and Guidelines on the Right to a Remedy and Reparation der Vereinten Nationen1 umfassen Reparationen fünf Ebenen: Restitution (Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes, soweit möglich); Entschädigung (für materielle und immaterielle Schäden); Rehabilitation (medizinische, psychologische, soziale und juristische Unterstützung); Zufriedenstellung (u.a. öffentliche Anerkennung des Unrechts, Entschuldigung, Gedenken) und Garantien der Nichtwiederholung (strukturelle Veränderungen, um zukünftige Gewalt zu verhindern).2  Wie die Kritik am ‚Abkommen zur Wiedergutmachung‘ der deutschen Bundesregierung für den Genozid an den Ovaherero, Ovambanderu und Nama mit der namibischen Regierung von 2021 zeigt, werden die verschiedenen Ebenen von Reparationen bisher wenig bis gar nicht berücksichtigt3. Diese Umstände und die Komplexität des Themas lassen eine Zukunft, in der Reparationen Geschichte sind, fast unerreichbar erscheinen.

Hinzu kommt, dass sich die Zivilgesellschaft häufig mit einer Flut von Problemen und Krisen auseinandersetzen muss. Wir kämpfen gegen bestimmte politische Haltungen/Entscheidungen, zeigen Defizite auf, schlagen Verbesserungen vor, ziehen mächtige Akteur*innen zur Rechenschaft oder treten für die Rechte marginalisierter Menschen ein (diese Liste ist offensichtlich nicht erschöpfend). All diese Tätigkeiten sind sehr wichtig und führen auch immer wieder zu notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen. Doch kann dieser Modus des ‚Feuerlöschens‘ auch sehr ermüdend sein. Auch wenn das übergeordnete Ziel der eigenen Arbeit bewusst ist, kann es einem im alltäglichen Geschäft doch immer wieder durch die Finger rinnen. Vor allem ein positives Gefühl und eine Verbindung zur eigenen Vision einer gerechteren Welt stellen sich nicht immer so einfach ein. Zusammengenommen mit der Herausforderung, Reparationsforderungen politisch und gesellschaftlich umzusetzen, eröffnet dies das Arbeitsfeld positiver Zukünfte.

Warum eigentlich Zukünfte? Im Alltag sind wir es gewohnt, von einer singulären Zukunft zu sprechen. Das hat vermutlich praktische Gründe, beispielsweise die sprachliche Vereinfachung.  Doch gibt es auch einen politischen Grund: Es wird z. B. in Bezug auf technologische Zukünfte meist von der einen Zukunft mit (sogenannter) ‚KI‘ gesprochen. Das ermöglicht, diese eigentlich sehr spezielle Zukunftsvorstellung als etwas Allgemeingültiges, Unaufhaltsames, womöglich sogar Natürliches darzustellen. Als wäre diese gesellschaftliche Entwicklung das Einzige, was möglich wäre. Sprechen wir jedoch von Zukünften, wird diese Wahrnehmung verändert. Plötzlich ist die glitzernde, technikverherrlichende Zukunft mit ‚KI‘ nur noch eine unter vielen möglichen Zukünften.
Neben einem Befreiungsmoment unserer Vorstellungskraft wird dabei auch klar, was für ein politischer Akt es ist, Visionen von gesellschaftlichen Zukünften zu entwickeln und diese öffentlich zu kommunizieren. Wer hat die Macht und die Ressourcen, gesellschaftsformende Zukunftsvisionen zu entwerfen und zu verbreiten? Momentan leben wir in einer Zeit, in der einige wenige, mächtige Akteur*innen den Diskurs um unser aller Zukünfte mit einem singulären Zukunftsnarrativ dominieren.

Das macht die Entwicklung von Zukunftsvisionen, in denen Reparationen Geschichte sind, noch relevanter. Nicht nur, weil es hilft, aus einem zivilgesellschaftlichen Modus des Feuerlöschens auszubrechen und sich mit dem Ziel der eigenen Arbeit zu verbinden. Sondern auch, um den dominanten Zukunftsnarrativen Alternativen entgegenzustellen. Alternativen, die erreichbare Bilder von gerechteren und nachhaltigeren Zukünften vermitteln. Die Herausforderung besteht darin, sich so weit vom Status quo zu lösen, dass in der entwickelten Zukunftsvision nicht all die Dinge reproduziert werden, gegen die in der gegenwärtigen Zivilgesellschaft gekämpft wird. Daher ist der Zeitrahmen relevant: Das in der Überschrift genannte Jahr 2050 ist weit genug entfernt, damit signifikante gesellschaftliche Veränderungen passieren können. Doch es ist auch nah genug, um nicht in zwar sehr schönen, doch vermutlich in der mittleren Frist unerreichbaren Utopien zu verharren. Denn Zukünftearbeit, wie sie Teilnehmende während der Decolonize Berlin Zukunftskonferenz in einem Workshop zum Thema Reparationen gemacht haben, soll neben den schon genannten Zielen auch neue Handlungswege aus der Gegenwart in die erarbeiteten Zukünfte ergeben.

Dafür müssen die verschiedenen Zukünfteszenarien aber mit Leben gefüllt werden: Wie fühlt es sich an, im Jahr 2050 zu leben, in dem gerade die letzten Raten der Reparationszahlungen geflossen sind? In welcher das internationale System so umgebaut wurde, dass neokoloniale Machtverhältnisse aufgelöst wurden? In der Nationen wirklich auf Augenhöhe kooperieren? Wo struktureller Rassismus offen und aktiv von Regierungen adressiert wird?  In dem Workshop versetzten sich die Teilnehmenden entweder in die Perspektive eines ehemals kolonisierten Landes, eines ehemals kolonisierenden Landes oder einer internationalen Organisation, wie beispielsweise der Afrikanischen Union. Damit erarbeiteten sie entlang des PESTLE-Frameworks4 Beispiele für verschiedene gesellschaftliche Bereiche und zeichneten so ein vielfältiges Bild des Jahres 2050.
Zukünftearbeit ist dabei auch herausfordernd. Denn während der Diskussionen wurde beispielsweise klar, dass solche Zukünfte, in denen Reparationen wirklich umgesetzt wurden, mit einer umfassenden Deprivilegierung von Bewohner*innen ‚westlicher‘ Staaten und im Speziellen von weißen Menschen einhergehen. Solche Zukünfte würden für weiße Menschen weniger Macht und vermutlich auch weniger Ressourcen als momentan bedeuten. Dies auszusprechen und in der Szenarienarbeit womöglich einen kurzen Eindruck davon zu gewinnen, was das bedeutet, ist nicht leicht. Es ist aber sehr wichtig.

Denn Zukünftearbeit, die es ernst meint, geht an die Substanz und stellt genau solche Fragen. Es geht explizit darum, Alternativen zum momentanen Status quo zu entwickeln. Einerseits, um sich selbst mit den Zielen seiner Arbeit auf einer neuen Ebene zu verbinden, Kraft aus Bildern positiver Zukünfte zu schöpfen und den dominanten Narrativen etwas entgegenzusetzen. Andererseits aber auch, um neue, womöglich unangenehme Fragen zu stellen und neue Perspektiven auf unsere eigene Gegenwart zu erlangen. Zukünftearbeit verharrt nämlich nie in der Zukunft, sondern verschafft uns einen besonderen Spiegel, um uns im Hier und Jetzt neu zu betrachten. So können wir Wege entwickeln, eine neue, hoffentlich gerechtere Gegenwart zu schaffen.  

 


[1] UN (2006). Basic Principles and Guidelines on the Right to a Remedy and Reparation for Victims of Gross Violations of International Human Rights Law and Serious Violations of International Humanitarian Law : resolution / adopted by the General Assembly, New York.

[2] https://decolonize-berlin.de/de/dekolonisierung/Restitutionen_Repatriierung

[3] Bundeszentrale für politische Bildung, Onlineredaktion (2021). Völkermord an Herero und Nama: Abkommen zwischen Deutschland und Namibia. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/335257/voelkermord-an-herero-und-nama-abkommen-zwischen-deutschland-und-namibia/

[4] PESTLE bedeutet: Politik, Wirtschaft (Economics), Sozial, Technologie, Recht (Legal), Ökologie (Environmental). Im Workshop bearbeiteten die Teilnehmenden auch noch die Dimension der Kultur.