Koordinierungstelle
Gemeinsame Definition von ‘Dekolonial’
Worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir von dekolonialen Prozessen und einer dekolonialen Zukunft der Berliner Stadtgesellschaft sprechen?
Wir verstehen darunter ein prozesshaftes Denken, das sowohl den Status quo und im gleichen Atemzug die Vergangenheit und die (imaginierten) Zukünfte auf ihre Machtverhältnisse, Sichtbarkeiten und Perspektiven hinterfragt. Dekolonialität ist das Ziel dieser Prozesse: Eine Zukunft, in der Gesellschaften nicht mehr von den Auswirkungen der kolonialen Vergangenheit geprägt sind.
‘Dekolonial’ ist kein feststehender, einheitlich definierter Begriff, sondern ein dynamisches Konzept, das in verschiedenen Kontexten unterschiedliche Bedeutungen, Konzepte und Wissenstraditionen aufgreift. Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass ‘dekolonial’ nicht nur eine theoretische Position, sondern eine Haltung und Praxis beschreibt, die sich laufend weiterentwickelt. Dekolonialität bedeutet, die fortwirkenden kolonialen Kontinuitäten in Wissen, Strukturen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen sichtbar zu machen und aktiv zu transformieren – über symbolische Gesten hinaus und bis in den Kern bestehender Systeme, einschließlich materieller Ressourcen der Machtverteilungen
Gleichzeitig ist ‘Dekolonial’ ein Wort, das nicht von Institutionen allein definiert werden darf. Es lebt von den Stimmen derjenigen, die von kolonialer Gewalt betroffen sind, und von den Kämpfen der Zivilgesellschaft, die seit Jahrzehnten auf Anerkennung, Gerechtigkeit und Veränderung drängen. Institutionelle Versuche, den Begriff allein in Leitbildern oder Strategien zu fixieren, laufen Gefahr, seine Radikalität zu verwässern. ‘Dekolonial’ bleibt deshalb ein Begriff im Widerstand – gegen die koloniale Vergangenheit und gegen ihre bis heute wirksamen Spuren.
Historische Dimension
Ursprung und Bedeutung von ‘Dekolonial’ sind untrennbar mit antikolonialen Kämpfen verbunden. Bewegungen in Afrika, Asien und den Amerikas haben nach dem Ende der formalen Kolonialherrschaft gezeigt, dass Kolonialismus nicht verschwindet, sobald Staaten unabhängig werden. Stattdessen bestehen Formen kolonialer Macht weiter – in ökonomischen Abhängigkeiten, in Sprach- und Wissenshierarchien, in rassistischen Strukturen. Der Begriff der ‘Kolonialität’ (Mignolo, Quijano)1 verweist auf genau diese Kontinuitäten. ‘Dekolonial’ benennt die Praxis, diesen fortbestehenden Strukturen etwas entgegenzusetzen.
Praxis statt Etikett
‘Dekolonial’ darf nicht als Schlagwort stehen bleiben. Die Kritik an einer rein symbolischen Verwendung ist breit dokumentiert: Museen, Universitäten oder Kulturinstitutionen berufen sich auf ‘Dekolonialisierung’, ohne ihre Machtverhältnisse tatsächlich zu verändern. Dekolonialität verlangt mehr als Gedenktafeln oder Wortänderungen – sie fordert eine Umverteilung von Ressourcen, eine Neubewertung von Wissensformen und ein Eingreifen in tief verwurzelte Strukturen. Der Anspruch ist radikal, weil er nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern bestehende Ordnungssysteme infrage stellt.
Stimmen im Zentrum
Decolonize Berlin, wie auch zahlreiche Initiativen weltweit betonen: Wer über ‘Dekolonialität’ spricht, darf nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg sprechen. Die Erfahrungen Schwarzer Menschen, Indigener und People of Color bilden den Ausgangspunkt. Ihre Stimmen geben der dekolonialen Praxis Richtung. Institutionen können Räume öffnen, finanzielle Mittel bereitstellen und Strukturen anpassen – definieren können sie den Begriff nicht. Es handelt sich um ein kollektives Projekt, das sich im Austausch, im Streit und in der Praxis entfaltet.
Ein offenes, lebendiges Konzept
‘Dekolonial’ ist deshalb weniger eine fertige Definition als ein Orientierungshorizont. Es ist ein ‘living concept’, das in Bewegung bleibt, weil auch Machtverhältnisse in Bewegung sind. Jede Generation, jede Community, jeder Kontext bringt neue Akzente ein: sei es die Forderung nach Rückgabe von Kulturgütern, die Sichtbarmachung kolonialer Straßennamen, die Dekolonisierung von Lehrplänen oder die Kritik an globalen Lieferketten. Das Gemeinsame ist weitaus mehr als eine Liste von Maßnahmen, es ist die Haltung, koloniale Kontinuitäten nicht hinzunehmen, sondern sie sichtbar zu machen und zu verändern.
Ausblick
Eine gemeinsame Definition des Begriffs ‘Dekolonial’ muss daher zweierlei leisten: Sie muss Orientierung geben, ohne den Begriff abzuschließen. Und sie muss den politischen Kern wahren: Dekolonialität bedeutet Veränderung – nicht kosmetisch, sondern strukturell. Es geht um eine Stadt, eine Gesellschaft und eine Welt, die nicht länger auf kolonialen Ungleichheiten aufbaut, sondern auf gerechteren Verhältnissen.
1Quijano, Aníbal. „Kolonialität der Macht, Eurozentrismus und Lateinamerika.“ Übersetzt von Jens Kastner, Turia + Kant, 2010.
Mignolo, Walter D. „Epistemischer Ungehorsam: Dekoloniale Optionen.“ Turia + Kant, 2011.
Dieser Beitrag ist in unserem Jahresbericht 2025 "Utopie als Widerstand" erschienen. HIER gelangt ihr zum vollständigen Jahresbericht.