Interview mit Manuela Bauche, Leiterin des Erinnerungsortes Ihnestraße der FU Berlin

Gemeinsame Erinnerungspraxis

Interview mit Manuela Bauche, Leiterin des Erinnerungsortes Ihnestraße der FU Berlin,  
Der Erinnerungsort Ihnestraße beschäftigt sich mit einer Wissenschaft, die von Entgrenzung, Rassismus und Entmenschlichung geprägt war. Das Gebäude Ihnestraße 22 ist seit rund 100 Jahren ein Ort wissenschaftlicher Forschung: Von 1927 bis 1945 befand sich hier das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A).

Vor gut einem Jahr wurde der Erinnerungsort Ihnestraße eröffnet. Was heißt es für dich, in deiner Arbeit dort ‚verflechtungsgeschichtlich‘ zu denken und zu arbeiten?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob der Begriff „Verflechtungsgeschichte“ wirklich trifft, was wir dort tun. Häufig wird unsere Arbeit eher unter „multidirektionaler Erinnerung“ eingeordnet. Im Kern erzählen wir die Geschichte eines Instituts: des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik, das von 1927 bis 1945 bestand. Es war einerseits eng mit der Eugenik der Weimarer Zeit, andererseits mit der nationalsozialistischen Politik von Verfolgung und Vernichtung verbunden. Zugleich knüpfte es an Praktiken kolonialer Anthropologie an, etwa über den Gründungsdirektor Eugen Fischer und aber auch durch die sehr große ‘Sammlung’ an Human Remains, die dort bewahrt wurde. Diese wurden schon vor Gründung des Instituts, insbesondere während des Kaiserreichs, zusammengetragen, und eben auch zu großen Teilen in kolonialen Kontexten.

Unsere Ausstellung zeigt diese Arbeitspraxis und problematisiert sie. Weil sie drei historische Felder berührt – Kolonialismus, Weimarer Eugenik und Nationalsozialismus – wird das von außen oft als „verflechtungsgeschichtlich“ wahrgenommen. Mir ist aber wichtig: Wir erzählen die Geschichte eines konkreten Instituts, und die bringt diese Mehrdimensionalität zwangsläufig mit. Der Begriff „Verflechtung“ suggeriert, dass es eigentlich getrennte Bereiche gäbe, die man erst verknüpfen müsse – das halte ich für problematisch.

Warum wird dieses Zusammendenken so selten praktiziert?

Das hat zwei Ebenen: eine wissenschaftliche und eine erinnerungspolitische. Forschung zu Kolonialismus und Nationalsozialismus ist bis heute institutionell stark voneinander getrennt. Kolonialismus wurde und wird vor allem in den Area Studies behandelt, die NS-Forschung an geschichtswissenschaftlichen Instituten, die sich primär mit deutscher oder europäischer Geschichte beschäftigen. Diese Trennung zieht sich durch – von den Instituten über Fachzeitschriften bis hin zu wissenschaftlichen Gesellschaften.

Hinzu kommt die erinnerungspolitische Logik, die eng mit der Förderlogik verbunden ist: Für die Aufarbeitung des NS-Unrechts gibt es seit Langem ein staatliches Commitment – auch wenn die Mittel bei Weitem nicht ausreichen. Für Kolonialismus hingegen existiert bis heute nur eine begrenzte Förderung. Das prägt unmittelbar, wie öffentliche Erinnerungspraxis aussieht.

Solche Trennungen haben Folgen: Sie bestimmen, was zusammen gedacht wird – und was nicht. Zugleich erlebe ich bei jüngeren Generationen eine neue Selbstverständlichkeit. Für viele der Studierenden, die ich unterrichte, ist es völlig klar, sowohl über koloniales als auch über nationalsozialistisches Unrecht nachzudenken. Das macht mich optimistisch. Dass die Geschichte des Kolonialismus heute so viel stärker rezipiert wird, ist auch ein Ergebnis der langen Kämpfe um Sichtbarkeit und Anerkennung. Studierende fragen eher: Warum überhaupt trennen? Diese Haltung ist eine große Chance.

Warum ist es in Politik und Erinnerungskultur so wichtig, 1945 als klaren Schlusspunkt des Nationalsozialismus zu setzen – und was würde sich verändern, wenn man die strukturellen Kontinuitäten stärker mitbedenkt?

Natürlich endete 1945 ein politisches Regime, doch es blieben zahlreiche personelle und ideologische Kontinuitäten bestehen – entgegen der Vorstellung einer vollständigen ‘Entnazifizierung‘. Privilegien aus der NS-Zeit wirkten fort, ebenso antisemitisches Gedankengut, rassistische und ableistische Ideologien. Wer sich ernsthaft mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt, muss diese Fortwirkungen mitdenken. Wenn der Nationalsozialismus hingegen als vergangene, ‚dunkle‘ Geschichte und als ‚Zivilisationsbruch‘ gedacht wird, dann wird suggeriert, dass Verfolgung und Vernichtung außerhalb aller historischen und gesellschaftlichen Kontexte erfolgt sei. Damit wird der Nationalsozialismus als grundlegende Abkehr von der Geschichte dargestellt, nicht als etwas, das strukturell vorbereitet wurde und über 1945 hinaus weitergewirkt hat.

In der Praxis der Erinnerung an den Kolonialismus spielt das Thematisieren von Kontinuitäten eine selbstverständliche Rolle. Deutlich wird dort auch die Gleichzeitigkeit und Widersprüchlichkeit zwischen dem europäischen Selbstbild als ‘zivilisiert‘ und der europäischen Praxis von Massenmorden. Diese Gleichzeitigkeit prägt auch die NS-Geschichte. Auch deshalb liegt es nahe, beide Regime gemeinsam zu betrachten – als Systeme, die Zivilisation behaupteten und zugleich Massenmord ermöglichten.

Eine radikal gestärkte Erinnerung an den Kolonialismus würde letztlich auch erzwingen, die NS-Vergangenheit stärker unter diesem Blickwinkel mitzudenken.

Warum ist gemeinsames Erinnern für dich wichtig?

Ich spreche lieber von gemeinsamer Erinnerungspraxis. Wenn wir Kolonialismus und Nationalsozialismus gemeinsam betrachten, erkennen wir strukturelle Gemeinsamkeiten – etwa in Ideologien der Ungleichwertigkeit: Rassismus, Antisemitismus, Ableismus. Besonders Letzteres wird oft vergessen: Auch der Massenmord an Menschen mit Behinderungen gehört zum NS.

Ein solcher Blick eröffnet die Möglichkeit, Solidaritäten zu entwickeln. Heute wird zwar vermehrt gemeinsam gegen Antisemitismus und Rassismus gekämpft, aber Ableismus bleibt meist ausgeklammert. Dabei ähneln sich die Diskurse und Strukturen der Entmenschlichung stark. Mir ist es wichtig, die Geschichte von Ableismus und der Behindertenbewegung stärker einzubeziehen.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass Erinnerungspraxis Solidaritäten stiftet. Das bedeutet, strukturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Unrechtsregimen zu analysieren – aber auch Ähnlichkeiten in den Kämpfen um Erinnerung und Selbstorganisation Betroffener wahrzunehmen. Wenn wir auf diese Bewegungen zurückschauen, können wir viel für heutige Solidaritäten lernen.

Sowohl Kolonialismus als auch Nationalsozialismus waren Herrschaftssysteme der Entrechtung. Sie definierten, wer zu den Herrschenden gehörte und wer rechtlos gestellt oder ermordet werden konnte. Diese Logik der Teilung zieht sich durch beide Systeme – und macht deutlich, warum es so entscheidend ist, sie gemeinsam zu erinnern.

 


Dieser Beitrag ist in unserem Jahresbericht 2025 "Utopie als Widerstand" erschienen. HIER gelangt ihr zum vollständigen Jahresbericht.