Professor Robbie Aitken, Sheffield Hallam University

In Erinnerung an Martha N’dumbe (1902–1945): Dekolonialisierungspraktiken in Berlin

Berlin ist eine Stadt, deren Geschichte im öffentlichen Raum überall sichtbar ist. An Gebäuden, in Museen, in Straßennamen, auf Informationssäulen sowie in Form von Denkmälern, Gedenktafeln, Stolpersteinen oder Statuen, bis hin zu historischen Bildern in Bahnhöfen – Deutschlands und Berlins Vergangenheit ist überall präsent. Die Vergangenheit, wie sie festgehalten wird und wie die Stadt und ihre Bewohner*innen dargestellt werden ist unwiderruflich subjektiv und oft auch widersprüchlich: Berlin, die Stadt der Dichter*innen und Denker*innen; eine Stadt, geprägt von Diktaturen und Revolutionen; die hedonistische, trendige, moderne Hauptstadt einer jungen Republik; eine von zwei Weltkriegen gezeichnete Stadt; eine, die geteilt und dann wiedervereinigt wurde; eine kosmopolitische, fortschrittliche und weltoffene Metropole. Berlin hat gezeigt, dass es in der Lage ist, sich mit seiner gewalttätigen und traumatischen Vergangenheit auseinanderzusetzen, indem es die Verantwortung für die Verbrechen des Holocausts anerkennt. Aber die Vergangenheit, an die erinnert wird, begünstigt vor allem seine – im Gegensatz zu ihren – Geschichten und macht keine Referenz zur langandauernden Anwesenheit von Menschen afrikanischer und asiatischer Herkunft. Auch wird versäumt, sich kritisch mit der Rolle Berlins und Deutschlands im internationalen Sklavenhandel und europäischen Imperialismus und deren Vermächtnissen auseinanderzusetzen.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich Berlin nicht von anderen europäischen Städten wie Bristol, Lissabon, Liverpool, Brüssel und vielen anderen, die sich schwertun, sich adäquat mit der Frage auseinanderzusetzen, wie Vorstellungen von Rasse - oft umschrieben als Kultur oder Religion - und wie Rassismus, Imperialismus und weiße Privilegien das städtische Umfeld und das Leben der Stadtbewohner*innen geprägt haben und weiterhin prägen. Was viele dieser Städte ebenfalls gemeinsam haben, ist, dass Schwarze, asiatische, afro- und asiatisch-diasporische Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und zivilgesellschaftliche Gruppen seit Jahrzehnten unermüdlich daran arbeiten, die Art, wie wir gedenken zu diversifizieren und historische blinde Flecken anzuerkennen.1 Die Umbenennung von Straßen und das Anbringen von Gedenktafeln und Aufstellen von Informationssäulen gehören zu den Strategien, die in Berlin erfolgreich angewandt wurden, um den öffentlichen Raum zu dekolonisieren. Angetrieben von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und dem Bündnis Decolonize Berlin sind diese Initiativen weit davon entfernt, „sinnlose und nutzlose symbolische Maßnahmen“ zu sein.2 Es geht darum, eine breitere Debatte darüber anzustoßen, wessen Geschichte gewürdigt wird oder nicht. Sie fordern Anerkennung und Repräsentation sowie die Schaffung neuer, inklusiver öffentlicher Orte der Wissensvermittlung, die alternative Perspektiven zur vorherrschenden Geschichtsschreibung bieten.

Die kürzlich erfolgten Umbenennungen von Berliner Straßen ehren Persönlichkeiten und Bewegungen des antikolonialen Widerstands. Beispiele sind der Manga-Bell-Platz (2022), die Cornelius-Fredericks-Straße (2022), die Maji-Maji-Allee und Anna-Mangunda-Allee (2024). In diesen Fällen wurde der Fokus von der deutschen Kolonialmacht auf Geschichten von „Empowerment und Befreiung” verlagert.3 Die viel beachtete Umbenennung der M*-Straße, die jetzt nach dem ghanaischen Philosophen Anton Wilhelm Amo (ca. 1703 – ca. 1759) (2025) benannt ist, und die Einweihung der Gedenktafeln für die Kameruner Martin Dibobe (2016), Joseph Ekwe Bilé (2022) und Louis Brody (2024) sowie den Tansaniers Mtoro Bakari (2024), zeugen von der langen Geschichte des antikolonialen und antirassistischen Aktivismus von in Deutschland lebenden Afrikaner*innen. Sie rückt außerdem die lange Präsenz Schwarzer Menschen in Deutschland ins Blickfeld.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Arbeit von Decolonize Berlin, seinen Partner*innen und Verbündeten ist die Umbenennung des Nettelbeckplatzes in Berlin-Wedding.4 Seit 1884, als Deutschland erstmals offiziell Gebiete in Afrika besetzte, war dieser Platz nach Joachim Nettelbeck (1738-1824) benannt - einem preußischen Seefahrer, Sklavenhändler und Propagandisten für die preußische Überseeexpansion. Er wird nun umbenannt zu Ehren der Schwarzen Deutschen Martha N’dumbe, die am 5. Februar 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück ermordet wurde. Martha ist eine würdige Wahl. Ihre Lebensgeschichte ist vielschichtig5 und umfasst die Geschichte von ‚Rasse‘, Gender, Imperialismus, Nationalsozialismus und von Schwarzen Deutschen im Allgemeinen.

Martha wurde am 27. Juli 1902 in Berlin als Tochter von Dorothea Holl aus Hamburg und Jakob N’dumbe aus Douala, Kamerun, geboren. Kolonialismus brachte ihren Vater nach Berlin, wo er sich später, wie Hunderte seiner afrikanischen Zeitgenossen, niederließ. Er kam 1896 zusammen mit 105 Männern und Frauen aus dem deutschen Überseegebiet nach Berlin, um auf der ersten Deutschen Kolonialausstellung in Berlin-Treptow ausgestellt zu werden. Vor 1914 hatte Martha aufgrund ihres Vaters den Status einer ‚Kolonialuntertanin‘ bekommen. Deutschland wurde nach dem Ersten Weltkrieg zu einer Kolonialmacht ohne Kolonialreich und Martha entsprechend während der Weimarer Republik zur Staatenlosen. In der Nazi-Diktatur schließlich wurde sie als ‚rassische‘ Außenseiterin eingestuft. Ihr wechselnder und unsicherer rechtlicher Status und dass ihr die deutsche Staatsbürgerschaft verweigert wurde, gingen einher mit prekären wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, in denen sie, ihre Familie und viele afrikanische und Schwarze Menschen und Familien in Deutschland lebten. Marthas Marginalisierung wurde noch verstärkt durch ihre Zeit in Pflege, den Tod ihres Vaters, als sie 16 Jahre alt war und die zerrüttete Beziehung zu ihrer Mutter sowie den Tod ihrer eigenen Tochter, die bereits im Säuglingsalter starb. Kleinkriminalität und Prostitution wurden zu ihrem Hauptweg, um einen Lebensunterhalt zu bestreiten. Dies brachte sie schließlich ins Visier der Nazis, die sie im Juni 1944 in Ravensbrück inhaftierten, wo sie später verstarb; sie war eine von mindestens fünf Schwarzen Frauen, die dort eingesperrt wurden.

Martha wurde nicht nur zu Lebzeiten diskriminiert, sondern auch nach ihrem Tod. Ihre Mutter reichte 1954 einen Antrag bei der Entschädigungsbehörde in Hamburg ein, in dem sie darum bat, Martha als Opfer des Nazi-Regimes anzuerkennen und ihr eine finanzielle Entschädigung zu gewähren. Als sogenannte ‚Asoziale‘ und Schwarze Frau wurde Martha, wie unzählige andere, nicht als Opfer der Verfolgung durch die Nazis anerkannt.

Die Umbenennung einer Straße nach ihr ist zum einen eine Anerkennung ihrer Existenz, ihres Leidens, aber auch ihrer Widerstandskraft und der historischen Schuld, die ihr gegenüber besteht. Diese Initiative ergänzt die Verlegung von Stolpersteinen, die an das Leben weiterer Schwarzer erinnert, die von den Nazis verfolgt wurden. 2007 wurde in Berlin ein Stolperstein für den Tansanier Mohamed Husen verlegt, der im KZ Sachsenhausen starb; der erste Stolperstein in Deutschland, der einem Schwarzen Verfolgten gewidmet ist. Dank der Bemühungen von Dekoloniale, ISD und ihren Partnern wurden seit 2021 weitere elf Stolpersteine in der Stadt verlegt, darunter einer für Martha in der Max-Beer-Straße 24. Insgesamt gibt es nun 15 solcher Gedenkorte für Schwarze Verfolgte der Nazis in ganz Deutschland – viel zu wenige.

Diese Ehrenmale verdeutlichen die Verbindungen zwischen der kolonialen und der nationalsozialistischen Vergangenheit. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf das akademische und öffentliche „Verschweigen“ der Geschichte der Schwarzen Deutschen im Allgemeinen. Sie zeigen aber auch auf, wie die persönlichen Erfahrungen Schwarzer Menschen während der Nazizeit fast komplett ausradiert worden und in Vergessenheit geraten sind.6 Sie zeigen einerseits die Vielfalt individueller Erfahrungen, bezeugen aber andererseits die kollektive Verfolgung, der sie ausgesetzt waren. Zwar erhielten einige Schwarze Verfolgte nach 1945 Entschädigungen von den westdeutschen Entschädigungsbehörden, doch trotz der historischen Beweise gibt es bis heute keine formelle Anerkennung dafür, dass Schwarze Menschen als Gruppe gezielt von den Nazis verfolgt wurden.



1 Zu den „Blacktivist“-Bemühungen in europäischen Hauptstädten siehe Kelly, N. und Vassell, O. (Hrsg.) (2023). Mapping Black Europe: Monuments, Markers, Memories. Transcript, Bielefeld.

2 Dieses lächerliche Argument wurde von der konservativen Gruppe Initiative pro Afrikanisches Viertel verwendet, die versuchte, die Umbenennung von Straßen mit Bezug zur kolonialen Vergangenheit in Wedding zu verhindern. Barwick-Gross, C. und Kulz, K. (2024). Local Struggles, Global Issues in Journal of Race, Ethnicity, and the City, 5/2, S.123.

3 Yeboah, A. (2024). (De)Colonial Berlin Spatializations of German Colonialism in Egbers, V. et.al (Hrsg.), Architectures of Colonialism: Constructed Histories, Conflicting Memories. De Gruyter Brill, Berlin, S.251.

4 ISD und Decolonize Erfurt setzten sich dafür ein, das Nettelbeck-Ufer in Erfurt zu Ehren des schwarzen Deutschen Gert Schramm, der im KZ-Buchenwald inhaftiert war, umzubenennen.

5 Eine ausführlichere Biografie von Martha und Jakob findet sich auf der Website von Dekoloniale: Aitken, R. (2021). Jacob Njo N’dumbe und Martha N’dumbe, https://dekoloniale.de/en/map#.

6 Siehe Hoeder, C-S. (2020). Totgeschwiegen, Süddeutsche Zeitung Magazin, https://sz-magazin.sueddeutsche.de/willkommen-bei-mir/geschichte-afrodeutsch-88967 und Swift, J. (2017). Die Auslöschung der Menschen afrikanischer Herkunft im nationalsozialistischen Deutschland, Black Perspectives. https://www.aaihs.org/the-erasure-of-people-of-african-descent-in-nazi-germany/.

 

 


Dieser Beitrag ist in unserem Jahresbericht 2025 "Utopie als Widerstand" erschienen. HIER gelangt ihr zum vollständigen Jahresbericht.