Koordinieriungsstelle
Utopie als Widerstand
In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten zunehmend von Krisenbewältigung und Abwehrkämpfen geprägt sind, fällt es schwer, proaktiv über die Gestaltung gerechter Zukünfte nachzudenken. Der öffentliche Diskurs kreist häufig darum, das „Schlimmste zu verhindern“, statt sich darauf zu konzentrieren, das „Bessere möglich zu machen“. Gerade für dekoloniale Perspektiven bedeutet dies eine spürbare Einschränkung: Anstatt Räume zu öffnen, in denen neue Wege sichtbar werden, verengt sich der Blick auf das Machbare/die Probleme im Hier und Jetzt.
Doch genau hier liegt die Kraft der Utopie. Utopisches Denken – verstanden nicht als weltfremde Fantasie, sondern als kollektive Widerstandspraxis – gibt uns die Möglichkeit, unsere Handlungsmacht zurückzuerobern. Indem wir uns eine Zukunft vorstellen, in der dekoloniale Forderungen bereits verwirklicht sind, können wir aus dieser Perspektive rückwärts ableiten, welche Schritte heute, in fünf Jahren und in zehn Jahren notwendig sind, um dorthin zu gelangen.
Utopie als politische und gelebte Praxis
Utopien gelten oft als unrealistisch. Doch gerade marginalisierte Gruppen haben immer wieder gezeigt, dass das Entwerfen von Visionen ein politisches Instrument ist: Es macht Alternativen sichtbar, eröffnet Möglichkeitsräume und wirkt der Ohnmacht entgegen.
Sowohl der Partizipationsprozess zur Erarbeitung des Konzepts für ein gesamtstädtisches Konzept zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Berlins als auch der daran anknüpfende Aufarbeitungsprozess haben gezeigt, dass das Denken und Konstruieren einer anderen Zukunft möglich – und dank der unermüdlichen Arbeit vieler zivilgesellschaftlicher Akteur*innen – bereits gelebte Praxis ist.Für eine dekoloniale Bewegung bedeutet das: Wir stellen uns eine Stadt, eine Gesellschaft, eine Welt vor, die nicht länger von kolonialen Kontinuitäten geprägt ist – und nutzen dieses Bild als Wegweiser. So wird Utopie zu einer Praxis, die das Heute verändert, weil sie das Morgen ernst nimmt.
Rückwärts planen: Eine dekoloniale Zukunft denken
Stellen wir uns Berlin im Jahr 2035 als dekoloniale Stadt vor. Nicht nur einige Straßennamen wurden geändert – das gesamte Stadtbild erzählt eine andere Geschichte: von antikolonialem Widerstand, von Schwarzen Denker*innen und Künstler*innen, von migrantischen Kämpfen um Gerechtigkeit. Museen sind keine Schatzkammern kolonialer Gewalt mehr, sondern Orte des Dialogs, der Heilung und der Rückgabe. Ancestral Remains sind längst repatriiert, und mit ihnen die Anerkennung der Würde der Communities, die jahrhundertelang ignoriert wurden. Bildungseinrichtungen – von Schulen bis Universitäten – sind frei von kolonialen Denkmustern; sie lehren kritisch, multiperspektivisch und in echter globaler Verbundenheit. Politische Institutionen arbeiten partizipativ, Ressourcen werden gerecht verteilt, und internationale Beziehungen sind von Solidarität, nicht von Machtasymmetrien geprägt.
Von dieser Zukunft ausgehend stellen wir uns die Frage: Was muss geschehen?
- Heute: Wir müssen koloniale Kontinuitäten klar benennen – nicht beschönigen. Das bedeutet: entschlossene Bildungsarbeit, konsequente Umbenennungen, das Schaffen von wirklicher Teilhabe von Communities of Color, verbindliche Rückgabepläne für Ancestral Remains und Objekte. Es braucht Ressourcen – Geld, Räume, Personal –, die nicht projektweise, sondern strukturell gesichert sind.
- In fünf Jahren: Berlin hat eine Reparations- und Restitutionsagenda verabschiedet. Museen geben systematisch zurück, anstatt bei jedem Einzelfall neu zu verhandeln. Schulen haben verpflichtende dekoloniale Lehrpläne. Öffentliche Gelder fließen in Institutionen, die von BIPoC-Communities getragen werden. Politische Entscheidungsprozesse sind so gestaltet, dass sie nicht nur „Partizipation“ zulassen, sondern von Anfang an von Betroffenen Expert*innen geführt werden.
- In zehn Jahren: Dekoloniale Praxis ist kein Sonderprojekt mehr, sondern Normalität. Öffentliche Erinnerungskultur feiert antikolonialen Widerstand, nicht die Täter*innen. Reparationspolitik ist etabliert, und Berlin arbeitet mit Städten des Globalen Südens in gleichberechtigten Partnerschaften zusammen. Räume der Kunst, Kultur und Wissenschaft gehören nicht mehr nur einigen wenigen, sondern spiegeln die gesamte Vielfalt dieser Stadt wider.
Radikal zu träumen heißt hier: wir geben uns nicht mit kleinen Schritten zufrieden, sondern formulieren das Ziel klar und ohne Abstriche. Dekolonialität bedeutet nicht, koloniale Strukturen sanft zu reformieren – sie bedeutet, sie zu überwinden und Neues aufzubauen.
Beispiele aus der Praxis
Decolonize Berlin hat in den vergangenen Jahren gezeigt, wie solches Zukunftsdenken in Handlung übersetzt werden kann. Die Umbenennung kolonial belasteter Straßennamen – etwa die Schaffung der Maji-Maji-Allee und der Anton-Wilhelm-Amo-Straße – zeigen, dass Erinnerungspolitik gestaltbar ist.
Ein besonders wichtiges Beispiel ist die Erstellung des Konzepts „Kolonialismus erinnern“, das in einem mehrjährigen partizipativen Prozess erarbeitet wurde und eine direkte Umsetzung einer zentralen Forderung von Decolonize Berlin darstellt. Hier wurde nicht nur ein Papier verabschiedet, sondern ein kollektiver Prozess gestaltet, in dem viele Stimmen, Erfahrungen und Perspektiven eingeflossen sind.
Widerstand gegen Ohnmacht
Angesichts politischer Verschiebungen nach rechts und der Härten globaler Krisen, ist das Gefühl der Ohnmacht nicht weit. Gerade hier entfaltet die Utopie die so dringend nötige Widerstandskraft. Sie erinnert uns daran, dass eine andere Zukunft möglich ist, und gibt uns den Mut, sie einzufordern.
Utopisches Denken ist dabei kein Selbstzweck. Es befähigt uns, Handlungsspielräume zurückzuerobern, uns gegen die vermeintliche „Alternativlosigkeit“ zu stellen und solidarische Perspektiven zu entwerfen – gemeinsam mit unseren internationalen Verbündeten, die ebenso für eine dekoloniale Welt kämpfen.
Einladung zur kollektiven Utopiearbeit
Utopien entstehen nicht im Alleingang, sondern im Miteinander. Deshalb laden wir alle ein, gemeinsam an diesen Bildern einer dekolonialen Zukunft zu arbeiten: in Schulen, in Kulturinstitutionen, in Verwaltungen, in Bewegungen, in unseren Communities. Jede*r kann dazu beitragen – sei es durch kritisches Erinnern im Alltag, durch das Einfordern von strukturellen Veränderungen oder durch die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Initiativen.
Wir brauchen Räume, in denen wir uns unsere Visionen gegenseitig erzählen können, in denen wir Erfahrungen und Strategien teilen und Bündnisse knüpfen. Wir brauchen Verbündete, die den Mut haben, bestehende Machtstrukturen in Frage zu stellen und gemeinsam neue aufzubauen. Und wir brauchen Menschen, die nicht nur zuhören, sondern handeln – in ihren Institutionen, in der Politik, in der Nachbarschaft.
Eine dekoloniale Zukunft ist kein ferner Traum. Sie ist ein Möglichkeitsraum, den wir uns nehmen müssen – durch Denken, durch Gestalten, durch Widerstand. Lasst uns also nicht nur träumen, sondern aktiv werden: Forderungen stellen, Strukturen verändern, Geschichten neu schreiben. Jede Handlung, jede Vision und jedes Projekt ist ein Schritt dorthin.
Lasst uns diesen Weg gemeinsam gehen – entschlossen, solidarisch und voller Hoffnung.
Dieser Beitrag ist in unserem Jahresbericht 2025 "Utopie als Widerstand" erschienen. HIER gelangt ihr zum vollständigen Jahresbericht.