Vorstand Decolonize Berlin e.V.

Von der Berliner Afrikakonferenz zur Anton-Wilhelm-Amo-Straße in Berlin-Mitte

Anhand der Anton-Wilhelm-Amo-Straße zeigt sich exemplarisch, wie lange die Veränderung von kolonialen Strukturen in der Stadt dauert: Die ersten parlamentarischen Spuren zur Benennung der Anton-Wilhelm-Amo-Straße in Berlin-Mitte gehen zurück in das Jahr 2005. In der Drucksache 1711/II wurde das Bezirksamt ersucht, eine kritische Auseinandersetzung mit Kolonialismus im öffentlichen Stadtbild politisch wie organisatorisch auszuführen. 20 Jahre später ist es soweit: Ein rassistischer Straßenname wird ersetzt mit der Würdigung des ersten bekannten afrikanischen Philosophen, der in Deutschland lebte und lehrte: Anton Wilhelm Amo. Bereits Jahrzehnte zuvor hatten Schwarze Selbstorganisationen und PAD (People of African Descent) in Deutschland auf strukturellen Rassismus aufmerksam gemacht. Die Umbenennung ist ein Erfolg dieser Arbeit und stellt einen starken Perspektivwechsel dar.
Parallel dazu werden im Afrikanischen Viertel Gedenkstelen zu den bisherigen Umbenennungen eingeweiht. Sie erinnern an den antikolonialen Widerstand von Anna Mungunda, Cornelius Fredericks, Emily und Rudolf Duala Manga Bell sowie an die Maji-Maji-Bewegung, die schon vor einigen Jahren im öffentlichen Raum gewürdigt wurden. An der Erarbeitung der Gedenkstele am Pekinger Platz, an der Kiautschoustraße und an der Samoastraße hat der Verein korientation maßgeblich mitgewirkt. Dieser Prozess hat afrodiasporische und asiatisch-diasporische Communities enger miteinander verbunden.

Lucy Lameck in Neukölln und Audre Lorde in Kreuzberg sind weitere Beispiele für einen Perspektivwechsel in der Erinnerung an den Kolonialismus. In den Berliner Bezirken Mitte, Kreuzberg, Schöneberg, Prenzlauer Berg und weiteren Bezirken wurden zudem Stolpersteine zur Erinnerung an Schwarze Menschen verlegt, die in der Zeit des deutschen Faschismus verfolgt und zum Teil ermordet wurden. Ein weiteres Beispiel dafür, wie der öffentliche Raum als Lernort begriffen werden kann, sind Gedenktafeln, die an Schwarze Menschen erinnern, die in Berlin gelebt haben, wie beispielsweise W. E. B. Du Bois, der Schauspieler und politische Aktivist Ludwig M’bebe M’Pessa alias Louis Brody oder der Kommunist und Panafrikanist Joseph Ekwe Bilé.

Im Bildungsbereich zeichnen sich ebenfalls Fortschritte ab, auch wenn wir weit davon entfernt sind, Rassismen aus Schulbüchern entfernt oder diskriminierungssensible Klassenräume geschaffen zu haben. Der neue Rahmenlehrplan für Geschichte betont Globalgeschichte, kolonialisierte Räume und marginalisierte Perspektiven als verbindliche Leitlinien. Damit verschiebt sich das Fach Geschichte in Richtung einer inklusiven, globalen und postkolonial reflektierten Erinnerungskultur. Im Lehrplan für Politik wird die Bedeutung von Diskriminierungsschutz und die Einbeziehung ungehörter Perspektiven hervorgehoben.

Gleichzeitig zeigen sich weiterhin strukturelle Herausforderungen in der Aufarbeitung der Berliner und gesamtdeutschen Kolonialvergangenheit. Zivilgesellschaftliche Gruppen, die sich seit 2022 an der Aushandlung eines Berliner Konzepts zu „Kolonialismus erinnern“ beteiligt haben, warten seit der Konzeptvorstellung 2024 auf die Veröffentlichung durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur. Die Senatsverwaltung für Bildung kürzt die Finanzierung für politische Bildung, insbesondere die Ansätze, die intersektionale, anti-rassistische und queere Perspektiven sichtbar machen und Diskriminierungssensibilität fördern. Auf bundespolitischer und globaler Ebene sind die Einschränkungen für zivilgesellschaftliches Handeln, insbesondere für die Themen Rassismus und Diversity, besonders deutlich: Wenn die Verwendung von gendergerechter Sprache, die weibliche, männliche und andere Geschlechtsformen zulässt, in Schulen oder Ministerien verboten wird oder die Geschichte der Versklavung in den USA und Europa durch nationale Heldenerzählungen ersetzt wird. So haben auch rechte Narrative Erfolg, wenn sie die Forderungen nach Gleichberechtigung und Schutz von marginalisierten Gruppen als „linke Ideologie“ framen. Obwohl diese Gleichberechtigung und der Diskriminierungsschutz gesetzlich verankert sind, wird er damit als unrechtmäßig erklärt.

Straßennamenumbenennungen und Aufarbeitung von Rassismus/Kolonialismus im öffentlichen Raum sind Ausdruck dieser gesetzlichen Verankerung von Gleichheit und damit wichtige Veränderungen auf symbolischer Ebene. Sie prägen das kollektive Gedächtnis. Doch sie sind auch nur ein Teil eines umfassenden Prozesses zum Abbau von Machtstrukturen und autoritärem Denken, die der Kolonialismus hinterlassen hat. Sie zeigen, was möglich ist, erinnern aber zugleich daran, dass Dekolonisierung nie abgeschlossen ist. Koloniale Denkweisen wirken in Institutionen, Bildungsinhalten und Eigentumsverhältnissen fort – diese müssen ebenso kritisch hinterfragt und verändert werden. Neben Symbolpolitik braucht es demnach auch konkrete Reparationsmaßnahmen, etwa in Form der Rückgabe von Ancestors/menschlichen Gebeinen von Vorfahren und geraubten Kulturgütern, die immer noch im Besitz Berliner Museen sind, oder gerechter ökonomischer Beziehungen. Dekolonisierung ist die tiefgreifende, kritische Auseinandersetzung mit Geschichte, Macht und Rassismus in allen Bereichen des Lebens. Angesichts der immer stärker werdenden rechten und demokratiefeindlichen Parteien und Bewegungen sowie der rassistischen Angriffe auf Schwarze Menschen, Migrant*innen und Marginalisierten ist dies auch eine Einladung an alle Menschen in der Gesellschaft, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu erörtern, in welcher Gesellschaft wir leben wollen: Eine, die spaltet, oder eine, die eint?

Dekolonisierung erfordert kontinuierliche politische Arbeit, kritische Reflexion und den Mut, Machtstrukturen und dominierende Erzählungen in Frage zu stellen. Anton Wilhelm Amo kann uns hier als Vorbild dienen: Er stellte sich bereits im 18. Jahrhundert mutig intellektuellen, sozialen und politischen Machtstrukturen entgegen. Er behauptete seine Stimme in einer Gesellschaft, die ihn marginalisierte, und setzte sich für Gerechtigkeit und Gleichheit ein – lange bevor solche Begriffe in öffentlichen Debatten überhaupt verhandelt wurden. Mutig macht uns auch die solidarische Zivilgesellschaft in Berlin, die Kämpfe zusammenbringt und sich über unterschiedliche Erfahrungen und Lebensrealitäten hinweg für eine gerechte und inklusive Gesellschaft einsetzt. Dafür danken wir allen sehr!

 


Dieser Beitrag ist in unserem Jahresbericht 2025 "Utopie als Widerstand" erschienen. HIER gelangt ihr zum vollständigen Jahresbericht.