Newsletter
Newsletter Decolonize Berlin (2/2026)
Liebes Bündnis,
liebe Mitstreiter*innen,
in unserem aktuellen Newsletter möchten wir mit euch einen Rückblick auf die letzten Veranstaltungen werfen. Außerdem erwarten euch spannende Veranstaltungstipps sowie eine Übersicht über die kommenden Termine bei uns und einigen unserer Mitgliedsvereine.
Teilt gerne den Newsletter mit Mitstreiter*innen und Freund*innen. Wir freuen uns darauf, euch vielleicht auf der einen oder anderen Veranstaltung anzutreffen!
Erinnerungskultur vernetzen: Dialog statt Leerstellen
Am 13. und 14. März 2026 trafen sich in Hamburg mehr als 300 Akteur*innen der deutschen Erinnerungskultur aus NS- und SED-Gedenkeinrichtungen sowie aus der Kolonialismus-Erinnerung zum Vernetzungstreffen „Geschichtskultur – Netzwerke, Wissenstransfer, Kooperationen“. Was auf den ersten Blick wie ein klassisches Fachtreffen wirkt, war tatsächlich ein dringend notwendiger Korrektiveingriff in der deutschen Erinnerungspraxis.
Denn eines ist in den vergangenen Jahren überdeutlich geworden: Wer nebeneinander statt miteinander arbeitet, produziert Leerstellen und Wahrnehmungslücken – und überlässt die öffentliche Auseinandersetzung allzu oft jenen, die komplexe historische Zusammenhänge auf zugespitzte, polarisierende Feuilletondebatten verkürzen. Die Folge sind verhärtete Fronten statt produktiver Streitkultur.
Genau hier setzte das Treffen an. Menschen aus der Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen, der SBZ/SED-Diktatur, Kolonialismus und Migrationsgeschichte kamen zusammen: aus Gedenkstätten, Dokumentationszentren, Initiativen, Wissenschaft, Kunst und Kultur. Unterschiedliche Perspektiven trafen nicht nur aufeinander, sie wurden bewusst in Beziehung gesetzt.
In Panels und Workshops ging es nicht um abstrakte Konsensformeln, sondern um konkrete Konfliktfelder: Wer erhält Aufmerksamkeit – und wer nicht? Welche historischen Narrative dominieren – und warum? Wo liegen strukturelle Ungleichheiten in der Erinnerungspolitik? Die Bandbreite reichte von theoretischen Leerstellen über institutionelle Machtfragen bis hin zur Rolle von Social Media in der Geschichtsvermittlung.
Auffällig war dabei: Der größte Erkenntnisgewinn entstand nicht nur auf den Podien, sondern vor allem in den offenen Gesprächen. Dort, wo gefragt wurde: Wie funktioniert das eigentlich bei euch? Wo stoßen wir auf ähnliche Hürden – und wo auf grundlegend unterschiedliche Voraussetzungen? Diese direkten Einblicke machten Unterschiede sichtbar, ohne sie vorschnell zu glätten – und schufen damit die Grundlage für ernsthafte Kooperation.
Die durchweg konstruktive, aber keineswegs konfliktfreie Atmosphäre zeigte: Eine solidarische Erinnerungskultur entsteht nicht durch Harmonisierung, sondern durch das Aushalten von Differenzen im Dialog. Genau dieser Dialog fehlt bislang oft – und genau deshalb ist seine bewusste Organisation ein politischer Akt.
Für das Organisationsteam war schnell klar: Vernetzung ist kein Selbstzweck, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Erinnerungspolitik in einer pluralen Gesellschaft überhaupt handlungsfähig bleibt. Wer Deutungskämpfe nicht den Lautesten überlassen will, muss Räume schaffen, in denen Wissen geteilt, Perspektiven verschränkt und Konflikte produktiv gemacht werden.
Die Hoffnung bleibt, dass dieses erste Treffen mehr war als ein punktuelles Zusammenkommen – nämlich der Auftakt für belastbare Allianzen. Denn die Herausforderungen werden nicht kleiner. Umso entscheidender ist, dass diejenigen, die erinnern, nicht länger isoliert arbeiten, sondern gemeinsam die Bedingungen dafür gestalten, wie Gesellschaft über Geschichte spricht.

Copyright: Kulturstiftung des Bundes, Foto: Falk Wenzel.
Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) kündigt Rückgabe an
Rückführung kolonial geraubter ancestral remains
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) hat angekündigt, rund 600 Schädel aus kolonialen Sammlungsbeständen an Herkunftsländer in Westafrika zurückzuführen. Nach mehrjähriger Provenienzforschung konnten zahlreiche ancestral remains Regionen im heutigen Kamerun, Togo, Ghana und Nigeria zugeordnet werden.
Die Entscheidung der SPK ist ein wichtiger Schritt. Sie macht zugleich deutlich, wie groß das Problem weiterhin ist: In deutschen Sammlungen und Institutionen befinden sich nach wie vor tausende ancestral remains aus kolonialen Kontexten. Laut einer Umfrage der Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten aus dem Jahr 2023 befinden sich allein in den 31 größten Museen und Universitäten in Deutschland über 17.000 ancestral remains aus kolonialen Kontexten.
Diese Gebeine wurden während der Kolonialzeit gewaltsam entwendet, für rassistische Forschungen missbraucht und aus allen Teilen der Welt nach Deutschland gebracht. Ihre fortdauernde Aufbewahrung in deutschen Institutionen ist Ausdruck kolonialer Kontinuitäten. Rückführungen dürfen deshalb kein symbolischer Schlussstrich sein. Sie müssen Teil einer umfassenden Aufarbeitung, Rehumanisierung und restorativen Restitution sein.
Mehr dazu in der Tagesschau: Berliner Stiftung will 600 Schädel aus Kolonialzeit rückführen
We Want Them Back: Unterstützung für Nachfahr*innen und Herkunftscommunities
Gerade weil Informationen über den Verbleib von ancestral remains oft nicht transparent und für Angehörige sowie Herkunftscommunities nur schwer zugänglich sind, arbeiten wir weiter an der We Want Them Back App. Mit der App möchten wir Nachfahr*innen und Communities bei der Suche nach ihren Vorfahr*innen unterstützen und erste Anlaufstellen sichtbar machen.
Bisher sind Daten von 19 Institutionen aus Deutschland in der App sichtbar. Aktuell arbeiten wir daran, die Datenbank zu erweitern und Suchoptionen zu verbessern. Unser Ziel ist es, die Geschichten hinter dem Raub sichtbar zu machen, die fortdauernde Entmenschlichung offenzulegen und Communities bei der Suche nach ihren Vorfahr*innen zu unterstützen.
Hier gelangt ihr zu App: https://wewantthemback.berlin/
UN-Resolution: Transatlantischer Sklavenhandel als schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit benannt
Die UN-Generalversammlung hat den transatlantischen Sklavenhandel in einer Resolution als „schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ eingestuft. Damit wird er ausdrücklich einer völkerrechtlichen Kategorie zugeordnet, die besonders schwere, systematische Gewaltverbrechen gegen Menschen beschreibt. 123 Staaten stimmten für den von Ghana eingebrachten Text. Die Resolution fordert unter anderem konkrete Schritte der restorativen Restitution, darunter finanzielle Entschädigungen, Schuldenerlasse und ökonomische Strukturhilfen. Außerdem wird die unentgeltliche, unverzügliche und ungehinderte Rückgabe von Kulturgütern und Kunstobjekten an Herkunftsländer gefordert.
Auch wenn die Resolution rechtlich nicht bindend ist, ist sie politisch und historisch bedeutsam. Sie benennt die Brutalität, den systemischen Charakter und die bis heute fortwirkenden Folgen des transatlantischen Sklavenhandels. Zugleich zeigt die Abstimmung, wie umkämpft Fragen von Reparationen, Restitution und historischer Verantwortung weiterhin sind: Die USA, Israel und Argentinien stimmten dagegen, Deutschland und 51 weitere Staaten enthielten sich.
Zur Resolution gelangt ihr HIER
KOLONIALISMUS UNTERRICHTEN – Workshop in der Pablo-Neruda-Bibliothek
Am 5. März 2026 haben wir in der Pablo-Neruda-Bibliothek in Berlin-Friedrichshain einen Workshop durchgeführt, bei dem wir unser Bildungsmaterial Straßen erzählen Geschichte(n) vorgestellt haben. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie koloniale Geschichte in Schulen vermittelt werden kann – und warum das so wichtig ist.
Gemeinsam mit außerschulischen politischen Bildner*innen haben wir nicht nur das Material vorgestellt, sondern auch intensiv darüber gesprochen und gearbeitet, welche Ansätze und Methoden es braucht, um Kolonialismus im schulischen Kontext sichtbar zu machen. Dabei ging es uns nicht allein um historisches Wissen, sondern darum, wie eine kritische Auseinandersetzung mit kolonialer Geschichte zu gesellschaftlichem Wandel beitragen und den Diskurs über koloniale Erinnerung im öffentlichen Raum erweitern kann.
Straßennamen, Denkmäler und andere Orte im Stadtbild sind bis heute geprägt von kolonialen Strukturen – oft ohne dass es uns bewusst ist. Unser Bildungsmaterial Straßen erzählen Geschichte(n) setzt genau hier an und lädt dazu ein, den öffentlichen Raum mit neuen Augen zu lesen und koloniale Kontinuitäten sichtbar zu machen.
Hände weg von Shark Island – Solidaritätsdemo in Berlin
Am 11. April 2026 haben wir uns vor dem Auswärtigen Amt in Berlineiner internationalen Solidaritätsaktion angeschlossen. Zeitgleich versammelten sich Nachfahren der Überlebenden in Namibia, bildeten eine Menschenkette um Shark Island und gedachten ihrer Vorfahren.
Unser Protest richtete sich gegen den geplanten Hafenausbau in Lüderitz (Namibia), der Shark Island als zentralen Gedenkort des deutschen Kolonialgenozids an den Ovaherero und Nama bedroht – und gegen die Fortsetzung kolonialer Ausbeutung durch das Wasserstoffprojekt „Hyphen" auf geraubtem Land. Wir fordern die juristische Anerkennung des Völkermords und echte Reparationen.
Den vollständigen Bericht zur Demo gibt es in der taz: Proteste in Namibia und Berlin: Blutroter Wasserstoff
Veranstaltungshinweise der Koordinierungsstelle
Save the Date: Präsentation der Publikation zu kolonialen Kontinuitäten in der Berliner Medizin
Am 6. Juli 2026 um 17 Uhr lädt Decolonize Berlin herzlich zur Präsentation der Publikation „Koloniale Kontinuitäten in der Berliner Medizin und Gesundheitsversorgung – Machtkritische Ansätze zu Dekolonisierung und Antirassismus“ ein.
Das Gutachten untersucht historische und gegenwärtige kolonial-rassistische Kontinuitäten in der deutschen Medizin und Gesundheitsversorgung. Es formuliert ethische und politische Anforderungen für eine dekoloniale Praxis im Berliner Gesundheitswesen. Ergänzend fasst ein Policy Brief zentrale Handlungsempfehlungen für Entscheidungsträger*innen der Gesundheitspolitik zusammen.
Bei der Veranstaltung stellen die Autor*innen zentrale Ergebnisse der Publikation vor. Im Anschluss möchten wir gemeinsam über Herausforderungen, Perspektiven und notwendige Schritte für eine dekoloniale und intersektionale Praxis in Medizin und Gesundheitsversorgung diskutieren. Außerdem wird es Raum für Gespräche sowie eine Performance geben.
Datum: 6. Juli 2026
Uhrzeit: 17:00 Uhr
Ort: Vorlesungssaal im Hedwig-Dohm-Haus, Ziegelstraße 5, 10117 Berlin
Wir freuen uns, wenn ihr euch den Termin vormerkt.

Veranstaltungshinweise vom Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER)
Glokaler Sommertag 2026
Gemeinsam mit der Initiative BerlinZusammen laden wir Akteur*innen aus Zivilgesellschaft und Verwaltung zum Glokalen Sommertag ein: Wie können wir – gemeinsam und über Wahlperioden hinweg – die Demokratie in Berlin stärken und gleichzeitig globale Gerechtigkeit voranbringen? Welche Strategien gegen Angriffe auf die Demokratie haben wir?
Ob Stadtentwicklung, Nachbarschaftsarbeit, Gemeinwohlökonomie, Nachhaltigkeit, Entwicklungspolitik oder Demokratieförderung: Eingeladen sind Menschen aus Vereinen und Initiativen, aus landes- und kommunalen Verwaltungen, aus Bildungsinstitutionen oder der Lokalwirtschaft. Die Initiativen Verwaltung für Demokratie und Zusammen für Demokratie sowie die Kampagnen BerlinZusammen und eine Weltstadt mit Haltung stellen sich vor und laden zum Tischgespräch. Zudem gibt die Möglichkeit für den Austausch mit der indigenen Gemeinde der Mundurukus, die sich gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen im Amazonas organisiert.

Veranstaltungshinweise von Glokal
Stadtrundgänge Berlin: Wege des Erinnerns zwischen Wilhelmstraße, „Afrikanischem Viertel“ und den „Asiatisch-Pazifischen Straßen“
In Kooperation mit Kolonialismus erinnern, dem Stadtmuseum Berlin, Korientation e.V. und AfricAvenir International e.V. haben wir Stadtrundgänge mit zwei Schwerpunkten entwickelt: deutscher Kolonialismus in Afrika und in Asien.
Entlang der Gedenkstelen im Berliner Stadtraum, die antikoloniale Widerstandskämpfer:innen und -bewegungen in den Fokus rücken, eröffnet der Stadtrundgang neue Perspektiven auf die deutsche Kolonialgeschichte. Wir laden dazu ein, den öffentlichen Raum als Ort des Lernens und des Gedenkens zu begreifen und sich kritisch mit kolonialen Kontinuitäten im Stadtraum auseinanderzusetzen. Danach gibt es die Gelegenheit sich mit den Referent*innen und Teilnehmer*innen in den Räumlichkeiten von AfrikAvenir International e.V. auszutauschen.
Hier mehr Infos, Termine und Tickets unter zu den Touren im Afrikanischen Viertel und den Asiatisch Pazifischen Straßen.
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Stadtrundgang Black Hamburg
Am 23. Mai 2026 um 16h veranstaltet glokal in Kooperation mit Black Hamburg Tour einen Stadtrundgang zu Hamburgs Schwarzer Geschichte und Menschen. Auf dem historischen Rundgang werden koloniale Narrative aus Schwarzer Perspektive erzählt. Es wird ein Bewusstsein für den Anti-Schwarzen Rassismus als Vermächtnis der deutschen Kolonial- und NS-Geschichte geschärft und gleichzeitig werden Widerstandsgeschichten sowie wichtige Schwarze Persönlichkeiten Hamburgs durch Storytelling in den Mittelpunkt gestellt. Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldung unter zeran@glokal.org
Ihr wollt euch einbringen? Das sind die nächsten Möglichkeiten
Das nächste Bündnistreffen wird am Mittwoch, den 20. Mai 2026, 18 Uhr stattfinden.
Wer Interesse hat, kommt gerne dazu. Gerne per Mail an info[at]decolonize-berlin.de
Unterstütze unsere Arbeit mit deiner Spende
Decolonize Berlin e.V. ist ein breites Bündnis aus Schwarzen, afrodiasporischen, postkolonialen und entwicklungspolitischen Initiativen sowie engagierten Einzelpersonen. Uns verbindet ein gemeinsames Ziel: die kritische Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und ihrer anhaltenden Auswirkungen sichtbar zu machen – und zu verändern.
Wir schaffen Räume für Bildung, Austausch und Protest. Mit vielfältigen Projekten, öffentlichen Veranstaltungen und kreativen Interventionen – im Spreeufer 6 oder bei Umbenennungsfeiern – setzen wir Impulse für gesellschaftlichen Wandel und eine Zukunft ohne koloniale und rassistische Strukturen.
Unsere Arbeit lebt vom freiwilligen Engagement vieler Menschen. Doch um nachhaltig wirken zu können, brauchen wir auch finanzielle Unterstützung.
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Newsletter-Archiv
| 30.04.2026 newsletter-decolonize-berlin-2-2026 | Newsletter Decolonize Berlin (2/2026) |
| 30.01.2026 newsletter-decolonize-berlin-1-2026 | Newsletter Decolonize Berlin (1/2026) |
| 18.12.2025 newsletter-decolonize-berlin-5-2025-2 | Newsletter Decolonize Berlin (6/2025) |
| 30.10.2025 newsletter-decolonize-berlin-5-2025 | Newsletter Decolonize Berlin (5/2025) |
| 02.10.2025 newsletter-decolonize-berlin-4-2025 | Newsletter Decolonize Berlin (4/2025) |
| 31.07.2025 db_nl004 | Newsletter Decolonize Berlin (3/2025) |
| 25.02.2025 db_nl003 | Newsletter 3 |